Gründerstories

6. Juni 2024

Wir setzen Digitalisierung um

Beratungsfirma AssistIng ebnet kleinen Firmen den Weg in die digitale Zukunft

Die Gründer von AssistIng: Thimo Keller (links) und Christopher Stockinger. (Foto: Anja Störiko)


Das Start-up will den Mittelstand digitalisieren. Diese dringend notwendige Zukunftsinvestition, die kleine Firmen häufig überfordert, setzt AssistIng Schritt für Schritt für die Kunden um.

 „Wir sind kein Software-Unternehmen, sondern eine Unternehmensberatung“, stellt Dr. Christopher Stockinger als erstes klar. Er hat wie sein Mitgründer Dr. Thimo Keller Maschinenbau an der TUDa studiert. Während ihrer Doktorarbeiten lernten sie sich kennen.  Keller promovierte über digitale Assistenzsysteme, Stockinger über das Zusammenspiel von Mensch und Technik.

Ziel ihres 2022 gegründeten Start-ups ist es, mittelständischen Unternehmen den Umstieg von papierbasierten Anweisungen zur Digitalisierung zu ermöglichen. Die Vorteile liegen auf der Hand: „Bildschirme beschleunigen die Arbeitsschritte um 15-20 Prozent gegenüber dem Blättern in Handbüchern“, hat Keller in seiner Doktorarbeit ermittelt. Denn eine schrittweise Anleitung zeigt immer die aktuell wichtigen Handgriffe. Zudem beschleunigt sich die Einarbeitung neuer Mitarbeiter:innen um 70 Prozent. 

An einem Arbeitsplatz in der nagelneuen „Flowfactory“ der TUDa führen die beiden vor, wie modernes digitales Arbeiten aussieht: Über der Werkbank sorgen gute Beleuchtung und Kameras für eine Überwachung des Ablaufs. Ein seitlicher Bildschirm führt ähnlich wie im klassischen Do-it-yourself-Video durch die Arbeitsschritte. Griffbereit liegen die notwendigen Teile in kleinen Kästen bereit. Das jeweils nächste notwendige Fach wird angeleuchtet. Wer beispielsweise zu wenige oder zu viele Schrauben herausnimmt, bekommt umgehend die entsprechende Information am Bildschirm. 

Digitalisierung für den Mittelstand

Während ihrer Promotion kamen die beiden Gründer über Wissenstransferprojekte in Kontakt mit Firmen – und beobachteten eine große Diskrepanz: Standard sei in kleinen Firmen nach wie vor das Papier, und die Digitalisierung ist in der Produktion im Mittelstand noch nicht angekommen. „Da ist viel drin!“, befanden sie. Das große Potenzial vor allem in Firmen mit viel Handarbeit sprang ihnen förmlich ins Auge. „Vor allem bei komplexen Tätigkeiten und individuellen, variablen Produkten lässt sich viel optimieren.“

Konkreter wurde die Idee Mitte 2021, zum Ende ihrer Promotionen. Sie hatten die Marktlücke erkannt: dass die großen klassischen Beratungsfirmen sich nicht mit dem Mittelstand beschäftigen und zudem zu teuer sind. „Wir wollen Beratung machen, die konkret ankommt, Schritt für Schritt, in kurzer Zeit und gegen einen klaren Festpreis“, so Stockinger. Dafür entwickelten sie standardisierte Bausteine aus Methoden und Software. „Wir sind die Experten – so strukturiert, planbar und günstig kann das sonst keiner“, ergänzt Keller.

Unterstützung für die Gründung kam vom Netzwerk der TUDa: HIGHEST half beim Antrag für ein einjähriges EXIST-Stipendium des Bundes. „Die Hilfe war überwältigend, gerade in der sehr frühen Phase, da waren wir noch so naiv“, schmunzelt Stockinger. Im Frühjahr 2022 war die Gründung von AssistIng dann perfekt, mit allen dafür notwendigen Schritten. Da beide Gründer Familie haben, war ihnen die Sicherheit in der Planung besonders wichtig. Es hat sich ausgezahlt: Sie können beide von ihrem Start-up leben. Und ihr Arbeitstag ist genauso strukturiert wie ihr Job: „Meistens können wir morgens unsere Kinder in die Kita bringen und abends abholen“, so Stockinger.

Mit verschiedenen Firmen starteten sie nach der Gründung eine Digitalisierungsoffensive: Eine größere Firma für Industrieofenbau mit komplizierten Geräten, erfahrenen Mitarbeitenden und kleinen Produktionszahlen (Weiss Technik). Eine kleine Firma für optische Sensoren (SensoPart). Und eine klassische Industriefirma für Baumaschinen mit Fließbandmontage von der Gießerei über Montage bis hin zur Lackierung (Linde Hydraulics). „Größere Firmen haben eine eigene Abteilung für IT und Engineering“, erklärt Stockinger. „Aber kleinere Firmen werden von dem mittlerweile riesigen Software-Angebot erschlagen“. Sie benötigen Unterstützung, um passende Lösungen auszuwählen und umzusetzen. Genau das bietet AssistIng.

Ein digitalisierter Arbeitsplatz: Werkprozesse werden durch Digitalisierung schneller, präziser und günstiger. (Foto: Anja Störiko)

Einschätzung für die Digitalisierung in wenigen Minuten

Der Einstieg in die Digitalisierung mit AssistIng ist denkbar einfach: Die Homepage bietet einen „Quick-Check“. 17 Fragen ermitteln in etwa zehn Minuten, ob sich die Digitalisierung in der Produktion lohnt und ob eine Digitalisierungsberatung für interessierte Firmen sinnvoll ist. Alternativ kommt das Team auch vor Ort oder gibt online eine erste Einschätzung, welche Art Digitalisierung passen könnte und wie sehr dies die Produktivität steigern würde. „Digitalisierte Arbeitsabläufe machen Prozesse einfacher und übersichtlicher“, verspricht AssistIng auf seiner Website. Sie können die Produktivität um bis zu 40 Prozent steigern und Fehler um bis zu 70 Prozent reduzieren. „Der Quick-Check ist äußerst wertvoll“, betont Keller. „Darin steckt ein großer Teil unserer Forschungsergebnisse“. 

Übersichtlich, produktiver, fehlerarm

 War die erste kostenfreie Einschätzung erfolgreich, ermitteln die beiden Gründer gemeinsam vor Ort das Potenzial und erstellen eine solide Kosten-Nutzen-Rechnung. Vormittags schauen sie sich die Produktionsabläufe an, nachmittags ermitteln sie die Optimierungen: Ersparnisse in der Produktion, verbesserte Qualität, optimale Dokumentation. „Unsere Vorschläge rentieren sich eigentlich immer nach sechs Monaten bis maximal drei Jahren“, so Keller. Wichtig seien Ansprechpartner:innen, die etwas verändern wollen. An ihrem Tages-Workshop nehmen idealerweise alle von Chef:in bis Mitarbeitenden teil. AssistIng garantiert ihnen: Die berechneten Zahlen sind zuverlässig bis konservativ. Und wichtig ist, dass Vertrauen entsteht – der Tag wird nur dann berechnet, wenn die Firma Zahlen und Vorgehen nachvollziehen kann. „Es geht immer um Partnerschaft und Glaubwürdigkeit“, betont Keller. Daher vereinbaren sie schon früh einen Fixpreis –manchmal ergänzt um eine Erfolgsbeteiligung. 

Investition lohnt sich nach wenigen Monaten bis Jahren

  Im Laufe der folgenden Monate durchleuchtet AssistIng die Produktionsprozesse, wählt das passende Vorgehen und Software-Leistungen aus. Sie listen die einzelnen Schritte und den Informationsfluss in einem großen Schaubild auf. Daraus entsteht in einer Woche eine klare Anforderungsliste für die Software, die sie mit Alternativen abgleichen – ähnlich wie der Laie in einem Vergleichsportal Optionen auswählt. Die Konzeption und Ausgestaltung schneiden sie dann auf den Kunden zu. Meist innerhalb von drei bis sechs Monaten setzt AssistIng diese Planung dann vor Ort um.

Am Ende schauen alle gemeinsam, ob das Potenzial erreicht wurde. „Bisher haben alle Kunden Folgeprojekte gebucht“, berichtet Keller stolz. Wichtig und das ganze Geheimnis sei, diese Schritte von Check-up bis Potenzialanalyse gemeinsam, einzeln und in dieser Reihenfolge zu gehen. Bisher hat AssistIng etwa 15 Kunden betreut; Ziel ist monatlich eine weiter Firma, also etwa eine Verdopplung im laufenden Jahr. Das Geschäft läuft und zieht an, freuen sich die beiden Gründer.

Digitalisierung steigert die Produktivität und reduziert die Fehlerquote deutlich, verspricht AssistIng. Quelle: Shutterstock/AssistIng.

Alle Kunden buchen Folgeprojekte

Künftig wollen sie auch ihren eigenen Prozess stärker digitalisieren. Ziel ist ein Tool für neue Berater:innen. In wenigen Wochen beginnen zwei Werkstudenten, eine Kundenbetreuerin und ein Berater als Vollzeitkraft. Investment und Venture-Kapital haben sie bisher nicht benötigt; das Start-up trägt sich von Anfang an. Die betreuten Firmen schwärmen vom „Nagel auf den Kopf getroffen“, „schnell und unaufwändig“ und „nach zwei Tagen hatten wir den kompletten Überblick und konkrete Maßnahmen – beeindruckend“. Die Gründer sehen ihren Vorteil in der maximalen Transparenz und den Festpreisen – anders als die in der Beraterbranche üblichen hohen Tagessätze. 

„Wir machen das gerne und leidenschaftlich!“, betont Keller. „Wir möchten immer mehr Firmen helfen“. Die stagnierende und wichtige Digitalisierung im Mittelstand kommt dank des Darmstädter Start-ups endlich voran.

Text und Fotos: Anja Störiko