Auftakt: Rund 50 Teilnehmerinnen aus fünf Hochschulen kamen zum Kick-off von exist Women auf dem Campus Westend der Goethe-Universität Frankfurt zusammen und starteten gemeinsam in mehrere Monate voller Workshops, Mentoring, Netzwerk und Gründergeist.
Sie studieren Psychologie, Mechatronik, Künstliche Intelligenz, Grafik-Design, Medizin oder BWL. Einige haben bereits ein Start-up-Projekt, andere haben nur vage Vorstellungen davon, dass Gründen zu ihrem Leben gehören könnte. Beim Auftakt von exist Women trafen sich rund 50 Frauen aus fünf Hochschulen auf dem Campus Westend der Goethe-Universität Frankfurt. Viele kamen mit Fragen, manche mit konkreten Start-up-Plänen – und alle gingen mit dem Gefühl, nicht allein zu sein. In nur drei Stunden entstand aus Vielfalt mehr als ein Netzwerk: ein Raum, in dem Zukunft plötzlich gemeinsam denkbar wurde.
Für einen Moment klingt es im Seminarraum, als hätte jemand die Türen zu einem Bienenstock geöffnet. Stimmen steigen durcheinander, Lachen, Fragen, Namen, Studiengänge, halbe Sätze, die nach Zukunft klingen. „Was machst du?“ „Woher kommst du?“ – „Hast du schon gegründet?“ „Suchst du noch jemanden fürs Team?“ Rund 50 Frauen stehen an diesem Nachmittag beieinander. Manche haben ein Notizbuch dabei, manche einen Laptop. Bei einigen ist die Mischung aus Aufregung und Erleichterung sichtbar, die entsteht, wenn man merkt: Mit dieser Idee bin ich nicht allein.
Sie kommen von der TU-Darmstadt, der Goethe-Universität Frankfurt, der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, der Hochschule Darmstadt und der Hochschule Mainz. Sie studieren oder forschen in den Bereichen Informatik, Biochemie, Medizin, Psychologie, BWL, Maschinenbau, Mechatronik, Design, Künstliche Intelligenz. Die Fächerkulturen könnten unterschiedlicher nicht sein: Geistes-, Natur-, Ingenieurs- und Wirtschaftswissenschaften, Medizin, Design und Sozialwissenschaften. Einige sind Bachelorstudierende, andere im Master, wieder andere promovieren oder arbeiten bereits an einem Start-up-Projekt im Umfeld ihrer Hochschule. Manche haben eine konkrete Idee, einen Prototypen oder eine Frage zum Team. Andere haben zunächst nur eine Ahnung: dass Selbstständigkeit vielleicht mehr sein könnte als ein ferner Sonderweg.
Drei Stunden später ist aus dem Gewimmel eine Gemeinschaft geworden. Es gibt neue Kontakte, erste Kooperationsideen, Sätze wie: „Mit dir müsste ich mal weiterreden.“ Es gibt diesen schwer zu planenden Moment, in dem aus einem Förderprogramm mehr wird als eine Abfolge von Workshops: ein Milieu, ein Resonanzraum, vielleicht sogar ein kleines Versprechen.
Der Kompass
exist Women ist ein Programm der Bundesregierung für Frauen im Hochschulkontext, die unternehmerisches Denken ausprobieren, eine Gründung vorbereiten oder überhaupt erst prüfen wollen, ob dieser Weg zu ihnen passt Jede der fünf beteiligten Hochschulen im RheinMain-Verbund dieser Gründungsförderung bringt zehn Teilnehmerinnen ein; fünf Frauen pro Hochschule können ein Stipendium erhalten. Vorgesehen sind Mentoring durch erfahrene Unternehmerinnen, lokale und bundesweite Workshops und Coachings, Netzwerkformate sowie Gründungssupport – von Geschäftsmodellentwicklung und Validierung bis zur Planung nächster Schritte, etwa Teamaufbau oder Anschlussfinanzierung. Zusätzlich gibt es ein Sachmittelbudget von 2.000 Euro pro Gründerin Der Projektzeitraum reicht von April 2026 bis Dezember 2026.
Zum Programm gehört auch ein Arbeitsinstrument, das schlicht „Mein exist Women-Kompass“ heißt. Er fragt nicht zuerst nach Umsatzprognosen oder Marktanteilen, sondern nach Vision und Orientierung: Was möchte ich langfristig aufbauen oder verändern? Warum ist mir dieses Thema persönlich wichtig? Was will ich in sieben Monaten erreicht haben: eine geschärfte Idee, erste Gespräche mit Kundinnen und Nutzern, einen Prototypen, ein Geschäftsmodell, ein Netzwerk, Klarheit darüber, ob ich überhaupt gründen will? Der Kompass führt die Teilnehmerinnen weiter zu drei Hauptzielen, einem Geschäftsmodell auf einer Seite, Wachstumsschritten, Hindernissen und Gegenstrategien, Unterstützungsnetzwerk, Monats-Check-ins und eigenen Commitments. Am Ende steht ein Satz, der fast wie eine Erlaubnis klingt: „Du musst heute nicht alles wissen. Du musst nur den nächsten sinnvollen Schritt gehen.“
Doch schon beim Kick-off verschob sich der Schwerpunkt. Constantinides spricht vom Netzwerk, von Impulsen und von möglichen Kontakten zu Mitgründerinnen. „Ich habe das Gefühl, dass sich mein unternehmerischer Kompass entwickeln, bilden und prägen kann“, sagt sie. Es seien viele Gespräche entstanden und sie habe viele Denkanstöße erhalten. „Ich fühle mich verstanden. Es fühlt sich wie ein Aufblühen an.“
Aufblühen: ein großes Wort für einen Gründungskontext, in dem sonst gern von Skalierung, Markteintritt und Finanzierungsrunden gesprochen wird. Aber vielleicht beschreibt es genauer, was am Anfang geschieht. Eine Idee braucht nicht nur Kapital. Sie braucht Sprache. Sie braucht Menschen, die sie hören, ohne sie sofort kleinzureden. Sie braucht andere, die fragen: Warum nicht?
Viele Hintergründe, ein Gleis
Poonam Yadav, Masterstudentin im Bereich Künstliche Intelligenz, beschreibt den Kick-off mit einem Wort, das an diesem Nachmittag mehrfach fällt: „happy”. Sie sei glücklich gewesen, sagt sie, wegen der vielen unterschiedlichen Hintergründe: Bachelor- und Masterstudentinnen, Doktorandinnen sowie Frauen aus verschiedenen Fachrichtungen und mit verschiedenen Projekten. „Different women – that is amazing“, sagt sie. In dieser etwas tastenden Formulierung liegt viel von dem, was den Nachmittag trägt: Vielfalt nicht als Programmpunkt, sondern als unmittelbare Erfahrung von Mehrwert.
Die Gruppe der TU-Darmstadt wird von Simone Lühl geleitet. Sie ist Gründungsberaterin bei HIGHEST, dem Innovations- und Gründungszentrum der Universität. Sie kennt die frühen Phasen von Gründungsideen: die Euphorie, aber auch die Unsicherheit, die Frage, ob man schon genug weiß, und den Reflex, erst noch ein Zertifikat, ein Seminar oder eine weitere Bestätigung abzuwarten. Genau dort setzt exist Women an. Nicht jede Teilnehmerin muss am Ende gründen. Aber jede soll die Chance bekommen, eine Gründung als reale Option zu prüfen – informiert, begleitet und vernetzt.
Das Rhein-Main-Prinzip
Die Tatsache, dass das Programm hochschulübergreifend angelegt ist, geht über eine reine organisatorische Kooperation hinaus. Es ist Teil der Idee. Die TU-Darmstadt, die Goethe-Universität Frankfurt, die Johannes Gutenberg-Universität Mainz, die Hochschule Darmstadt und die Hochschule Mainz bringen unterschiedliche fachliche Profile, Netzwerke und Gründungskulturen zusammen. Die Programmleiterinnen und -leiter sind Simone Lühl von HIGHEST, Luna Köhler vom Goethe-Unibator, Gessica Cafaro von der Gutenberg-Uni Mainz, Dorothea Böhmer von der Hochschule Darmstadt und Salim Zeyen von der Hochschule Mainz. Gemeinsam organisieren sie Treffen, Workshops, Netzwerkformate und den Austausch im Rhein-Main-Ökosystem.
Lühl bezeichnet es als „richtige Kooperation“. Es gibt immer wieder Termine, bei denen sich die 50 Frauen gemeinsam treffen, darunter ein 2 Tage Bootcamp gemeinsam mit Futury . Außerdem haben die Teilnehmerinnen die Möglichkeit, mit einem gemeinsamen Stand an der Gründungsmesse INNODAY teilzunehmen. Der Vorteil, so Lühl, sei, dass die Frauen voneinander lernen. Vielleicht findet eine Teilnehmerin in der größeren Kohorte sogar ihren „Match als Co-Founder“, der ihr dann bei der Gründung eines Unternehmens helfen kann. Gerade in einer Region, in der Darmstadt, Frankfurt und Mainz nahe beieinanderliegen und doch unterschiedliche Schwerpunkte haben, kann aus einem Kontakt schnell ein Zugang werden: zur Medizin, zur Technik, zum Design, zu Kapital, zu Kundinnen, zur Forschung.
Dorothea Böhmer, Gründungsberaterin an der Hochschule Darmstadt, beschreibt diesen Effekt, der bereits am ersten Tag eintritt: Allein die Anwesenheit von Gründerinnen in spe an einem Ort sei gewinnbringend. Aus kleinen Gruppen wird eine große Gruppe. „Wir haben so ein ähnliches Ziel. Wir wollen was. Wir haben etwas vor“, sagt sie. Das verbinde die Frauen. Viele hätten schon beim Auftakt gesagt, wie gut es tue, so viele Gleichgesinnte auf einmal zu erleben. Lühl und Böhmer arbeiten auch in anderen Formaten seit Langem zusammen, etwa beim foundersXchange, eine Art Gründer:innen-Stammtisch des Darmstädter Ökosystems. Jede Hochschule habe eigene Schwerpunkte, sagt Böhmer, gerade deshalb könne man gut aufeinander verweisen, weiterleiten und lotsen.
Die nächsten Schritte
In den kommenden Monaten wird aus dem ersten Leuchten Alltag werden: Workshops besuchen, Mentorinnen treffen, Geschäftsmodelle schärfen, Zielgruppen befragen, Prototypen testen, Finanzierungsmöglichkeiten verstehen und Pitches üben. Manche Teilnehmerinnen werden merken, dass ihre Idee größer ist als gedacht. Andere werden sie verkleinern, präzisieren, verwerfen und neu zusammensetzen. Vielleicht finden sich Teams. Aus Gesprächen können Kooperationen entstehen, aus Kontakten Freundschaften und aus vagen Fragen Entscheidungen.
Eine Gründung beginnt selten mit dem fertigen Geschäftsmodell. Oft beginnt sie mit einer Idee, einer Frage und dem richtigen Umfeld. An diesem Nachmittag auf dem Campus Westend war dieses Umfeld zu spüren: im Stimmengewirr, im Lachen, in den schnellen Notizen, in der Erleichterung, unter vielen verschiedenen Frauen plötzlich Ähnlichkeiten zu entdecken. Nicht, weil alle dasselbe wollen. Sondern weil alle bereit sind, den nächsten sinnvollen Schritt zu gehen.
Autorin/Fotos: Heike Jüngst