Ein Faultier als Vorbild für Hightech? Ja, sagen Maximilian Roth und Georg Avemarie. Denn Faultiere – Folivora – sind effizient, sie nutzen, was direkt vor ihrer Nase wächst. Genau das Prinzip steckt hinter der Firma Folivora Solutions GmbH, einer Ausgründung der TU Darmstadt.
Die beiden Ingenieure verstehen sich nicht als hippe Start-up-Gründer mit Hoodie und Pitchdeck, sondern als bodenständige Handwerksmeister mit Doktortitel – nur dass ihr Werkzeugkasten aus Algorithmen besteht. Mit ihrer Software steuern sie Energie-, Material- und Warenströme wie ein Navigationssystem: effizient, vorausschauend und klimaschonend. Statt Investoren-Millionen setzen sie auf die regionale Sparkasse und Kundennähe. Warum sie die Start-up-Bubble lieber meiden, was sie unter „Dachdecker-Mindset“ verstehen – und wie ihre Lösungen gerade den Sprung ins Gesundheitswesen schafft, erzählen Max und Georg im Interview.
IM GEPSRÄCH mit Dr. Maximilian Roth und Dr. Georg Avemarie
HIGHEST: Was bietet ihr mit eurem Unternehmen konkret an?
Dr. Maximilian Roth Wir entwickeln intelligente Effizienzbetriebssysteme. Das kann beispielsweise ein Energiebetriebssystem für ein Unternehmen mit mehreren Gebäuden und Anlagen oder eine Gewerbegebiet mit verschiedenen Standorten sein. Stell dir einen Industriepark vor: Blockheizkraftwerk, Solaranlage, Speicher, Maschinen. Jeden Tag laufen da unzählige Prozesse, die die Energieflüsse am Laufen halten. Normalerweise steuern zwei Leute das manuell an der Leitwarte. Unsere Software ersetzt diese beiden – sie steuert automatisch, optimiert alle Viertelstunde neu, auf Basis von Wetterprognosen, Preisen und Produktionsplänen. Unser System überwacht die aufgewendete Energie live und zeigt in Echtzeit, wo gerade wie viel davon verbraucht wird. Gleichzeitig verteilt es beispielsweise den Strom automatisch und intelligent, sodass die Energie optimal genutzt wird. Teure Spitzenlasten werden dadurch vermieden, weil das System Lasten clever verschiebt.
Dr. Georg Avemarie Zur Erklärung hilft vielleicht ein Bild: Unser Betriebssystem ist wie ein Navigationssystem. Bei dem von Max genannten Beispiel des Industrieparks optimiert es Energieflüsse. Es sieht, wo Engpässe sind, berechnet Alternativen, verteilt Strom und Wärme so, dass Kosten sinken und CO₂ gespart wird. Das Ganze wird zusätzlich durch einen digitalen Zwilling unterstützt – also eine virtuelle Kopie der Energieanlagen, mit der sich verschiedene Szenarien vorab testen lassen. Der Nutzen für Unternehmen liegt klar auf der Hand: Sie senken ihre Kosten, schonen die Umwelt und sichern eine stabile, verlässliche Energieversorgung. Kurz: ein smarter Energiemanager entscheidet automatisch, wann, wo und wie viel Energie fließt – für mehr Nachhaltigkeit und weniger Ausgaben. Und dieses Prinzip funktioniert ebenso in der Logistik oder bei Materialflüssen.
HIGHEST: Ihr seid keine Informatiker, entwickelt aber Software?
Dr. Maximilian Roth Genau. Wir sind Wirtschaftsingenieure. Beide promoviert in Mechatronik und Regelungstechnik am Institut für Mechatronische Systeme (IMS) der TU Darmstadt. Wir machen komplexe Systeme berechenbar, schreiben dafür Algorithmen – und am Ende entwickeln wir daraus eine auf den Kundenbedarf zugeschnittene Software. Hardware bauen wir nicht.
HIGHEST: Wie entstand die Idee zu Folivora? Gab es einen Schlüsselmoment während eurer Zeit in der Forschung an der TU Darmstadt?
Dr. Maximilian Roth Einen einzelnen Schlüsselmoment gab es nicht. Es war eher ein Prozess. Wir haben beide jahrelang an Forschungsprojekten gearbeitet – bei Prof. Stephan Rinderknecht am IMS hier auf der Lichtwiese der TU Darmstadt, oft zusammen im selben Büro. Wir haben gesehen: Da entstehen gute Lösungen, Pilotprojekte laufen, und dann? Nach Projektende verschwindet alles in der Schublade. Keiner betreut die Software weiter, keiner haftet dafür. Das hat uns frustriert. Wir wollten die PS endlich auf die Straße bringen.
Dr. Georg Avemarie Wir haben von Anfang an sehr anwendungsnah geforscht und mit Stadtwerken, Wohnungsbaugesellschaften und Unternehmen aus der Industrie zusammengearbeitet. Wir haben gesehen: Unsere Methoden funktionieren in der Praxis. Aber wenn die Uni diese Ergebnisse nicht an den Markt bringen kann und die Industrie Forschungsergebnisse nicht übernehmen darf, bleibt alles liegen. Also haben wir gesagt: Dann machen wir es eben selbst.
HIGHEST: Was ist euer Geschäftsmodell?
Dr. Georg Avemarie Unsere Leistung besteht aus zwei klaren Schritten. Zuerst die Dienstleistung: Wir analysieren das bestehende Energiesystem. Dazu erstellen wir ein mathematisches Modell, simulieren verschiedene Szenarien und zeigen dem Kunden schwarz auf weiß, welches Einsparpotenzial im System steckt – zum Beispiel zwölf Prozent. Dieser Teil entspricht einem klassischen Beratungsprojekt. Danach folgt das Produkt: ein intelligentes Effizienzbetriebssystem, also eine Software, die wir individuell und auf Basis der vorherigen Dienstleistung für den Kunden entwickeln und implementieren. Damit wird das Einsparpotenzial nicht nur sichtbar, sondern auch dauerhaft nutzbar. Unsere Modelle laufen in Echtzeit – entweder als Kaufsoftware oder als Service mit jährlicher Gebühr. Manche Kunden zahlen auch pro Einsparung.
HIGHEST: Ihr habt also schon Kunden?
Dr. Maximilian Roth Ja, wir sind seit zwei Jahren als GmbH am Markt. Unsere Kunden bestehen zum einen aus energieintensiver Industrie, aus der Pharmabranche oder etwa Automobilzulieferern und zum anderen aus institutionellen Asset Managern.
HIGHEST: Habt ihr zur Gründung eures Unternehmens Fördergelder wie EXIST genutzt oder auf Investoren gesetzt?
Dr. Georg Avemarie Nein. Wir haben bewusst keine EXIST-Förderung der Bundesregierung beantragt, auch keine Investoren ins Boot geholt. Das EXIST-Gründungsstipendium ist eine Förderung, die sich an Gründungsvorhaben richtet. Während des Förderzeitraums darf jedoch kein Unternehmen gegründet werden, und die finanziellen Spielräume sind eng gesteckt. Für uns war der Weg passender, als Postdocs in Teilzeit an der Universität zu arbeiten und parallel die Gründung einer GmbH vorzubereiten.
Dr. Maximilian Roth Wir haben unsere Software-Bibliothek – damals „SlothBrAIn“, heute „cORe “ – von der Uni übernommen, ganz pragmatisch: Vertrag bei der Susanne Gürich, die IP-Managerin bei HIGHEST, abgeschlossen, bezahlt, fertig. Es gibt keine Beteiligung der TU an unserem Unternehmen. Unser Geschäftskonto haben wir klassisch bei der Sparkasse in meinem Heimatort im Odenwald. Ganz bodenständig.
HIGHEST: Also kein Start-up-Buzz, keine Pitch Events?
Dr. Georg Avemarie Nein. Uns war immer klar: Wenn jemand unser Produkt kauft, haben wir eine Existenzberechtigung. Wenn nicht, hören wir auf. Wir wollten nie „Unternehmer um des Unternehmertums willen“ sein. Wir verstehen uns eher als Handwerker mit Dr.-Titel. Wir lösen Probleme, und dafür werden wir bezahlt.
Dr. Maximilian Roth Genau, eher ein Deeptech-Dachdeckerbetrieb – nur dass wir statt Dächer Software bauen.
HIGHEST: Wie habt ihr euch als Team gefunden?
Dr. Georg Avemarie Wir haben am Institut für Mechatronische Systeme die gleichen Projekte gemacht, die gleiche Sprache gesprochen. Wir sind uns fachlich ähnlich, aber ergänzen uns in den Rollen: Max übernimmt eher die kaufmännischen, organisatorischen Themen, ich die technische Produktseite. Aber wir verstehen inhaltlich beide Seiten und spiegeln uns gegenseitig.
HIGHEST: Welche Hürden habt ihr gemeistert?
Dr. Maximilian Roth Die größte Herausforderung ist es, ernst genommen zu werden. Viele Unternehmen sind misstrauisch gegenüber Start-ups, die nur Ideen pitchen. Wir mussten beweisen, dass wir ein seriöses Unternehmen sind, das Probleme löst. Dazu kommt: Unsere Projekte sind groß und dauern lange. Sales-Zyklen ziehen sich über ein Jahr. Da braucht man Geduld.
Dr. Georg Avemarie Und Glück. Timing ist alles. Der Kunde braucht ein Budget, ein offenes Zeitfenster, eine strategische Motivation. Das ist nicht immer planbar.
HIGHEST: Wo steht ihr gerade, und wo geht es hin?
Dr. Maximilian Roth Wir sind am Markt, können bald vollständig von Folivora Solutions leben. Wir bauen Stück für Stück aus – mit Werkstudenten, Absolventen, bald Festangestellten. Und wir haben gerade eine zweite Firma gegründet Streamedics, ein Joint Venture mit einem IT-Unternehmen aus dem Gesundheitswesen. Dort bringen wir unsere Entscheidungsalgorithmen in Krankenhäuser, für Energiesteuerung, aber auch für Personalplanung und Bettenbelegung.
Dr. Georg Avemarie In fünf Jahren sehen wir Folivora Solutions als etablierten Anbieter für Entscheidungsalgorithmen in komplexen Systemen: Energie, Logistik, Healthcare. Wir wollen wachsen, aber organisch. Keine wilde Skalierung, sondern solides Handwerk.
HIGHEST: Welchen Rat gebt ihr Forscher:innen, die selbst gründen wollen?
Dr. Georg Avemarie Stellt euch ehrlich die Frage: Gibt es wirklich einen Bedarf? Oder liebt ihr nur euer Thema? Begeisterung allein reicht nicht. Am Ende muss jemand bereit sein, Geld dafür zu zahlen.
Dr. Maximilian Roth Und denkt daran: Förderung ist hilfreich, um den ersten Schritt zu gehen. Aber danach müsst ihr auf eigenen Beinen stehen. Ein Unternehmen lebt nicht von Pitch-Events, sondern von zahlenden Kunden.
HIGHEST: Also am Ende doch die alte Schule?
Dr. Maximilian Roth Ja. Ein Handwerksbetrieb mit Dr.-Titel. Wir haben keinen Hoodie an, wenn wir zum Kunden gehen, sondern einen Anzug. Wir wollen nicht die Welt retten, sondern Probleme lösen – effizient, zuverlässig, nachhaltig.
Dr. Georg Avemarie Und wenn wir damit auch noch ein Stück zur Energiewende beitragen, umso besser.
Das Interview führte Heike Jüngst