Success Story

17. September 2026

Ein Student fordert Industrieriesen heraus

Jungunternehmer mit großen Plänen: Milan von dem Bussche an der Steuerung einer seiner Maschinen in Darmstadt. Bild: QiTech

Milan von dem Bussche

Milan von dem Bussche gründete sein Unternehmen QiTech noch als Schüler. Heute leitet der 23-jährige TUDa-Student in Darmstadt zwei Firmen, die Maschinen bauen und mit offener Software gegen die Großen der Industrie antreten. Er filmt seine Fehler, verkauft Maschinen, die es noch nicht gibt, und will das „Linux für den Maschinenbau“ entwickeln. Wie aus einem Schülerprojekt ein Unternehmen mit 28 Mitarbeitern wurde, warum der Weggang eines einzigen Entwicklers den Jungunternehmer fast alles kostete und weshalb Milan von dem Bussche jeden Schritt seiner Gründerreise – Höhen wie Tiefen – öffentlich macht.

Schreddern, schmelzen, wickeln: In der Werkshalle im Darmstädter Industriepark laufen Maschinen, die Teile von sich selbst gebaut haben, gedruckt aus eigenem Filament. Davor steht Milan von dem Bussche und erklärt jeden Handgriff, als wäre nichts dabei, mit Anfang zwanzig eine Firma zu führen, deren Maschinen in 14 Länder verkauft werden. Eines fällt auf: Er filmt fast alles. Jede Woche lädt er einen Vlog hoch, die guten wie die schlechten Wochen. „Das ist mein Tagebuch, mein Ausgleich, meine Therapie“, sagt er.

Jungunternehmer mit großen Plänen: Milan von dem Bussche an der Steuerung einer seiner Maschinen in Darmstadt. Bild: QiTech

Vom Schülerprojekt zur Holding

Angefangen hat alles vor acht Jahren, Milan war 15. Mit seinem Schulfreund Paul Nehme wollte er aus Plastikmüll Filament für 3-D-Drucker machen. Recycling war ihr Ziel. Doch das Echo auf ihr erstes Produkt, Handyhüllen, fiel ebenso eindeutig wie ernüchternd aus: Die Hüllen waren spröde und dick wie ein Backstein, interessant aber fanden potentielle Abnehmer die Maschine dahinter. Also sattelten die beiden um. Sieben Jahre lang entwickelten sie ihre Geräte weiter, von kleinen Wickelmaschinen bis zu Anlagen für Labor und Industrie.

Dann kam die Software für die eigenen Maschinen, und wieder sagten Kunden: „Eigentlich wollen wir nicht die Maschine, wir wollen die Software.“ So wurde die Software zum zweiten Standbein. Heute ist die QiTech GmbH eine Holding über zwei operative Firmen: die QiTech Industries GmbH für den Maschinenbau und die QiTech Automation GmbH für die Steuerungssoftware. 28 Menschen arbeiten hier, im Schnitt 22 Jahre alt. Milan ist alleiniger Geschäftsführer und hält die Mehrheit an der Maschinenbaufirma. Je ein Fünftel der Anteile liegt bei den Mitarbeitern und bei alten Schulfreunden, von denen viele bis heute dabei sind. Einer ist Paul Nehme: nach Schülerwettbewerben zunächst ausgestiegen, nach dem Abitur zurückgekehrt, heute Chefingenieur.

Konsequent transparent: Crashkurs Maschinen-Software der QiTech Automation. Bild: QiTech

Vom heimischen Oppenheim am Rhein zog das Team geschlossen nach Darmstadt, privat wie mit der Firma. Beim Studienort zählte nicht nur die Uni, sondern auch, ob sich vor Ort eine gute Fabrikhalle fand, denn das Unternehmen zog immer mit. „Es ist wie ein Kind am Bein“, sagt Milan. Die TU Darmstadt gilt als beste Maschinenbau-Uni der Region, die Halle fand sich im Industriepark. Das gab den Ausschlag.

Uni am Morgen, Start-up am Nachmittag

Lange ging beides zusammen: morgens Uni, danach in die Produktionshalle. Das hielt, bis die Firma in eineinhalb Jahren von acht auf 28 Leute wuchs. Seitdem hakelt es. Früher schrieb Milan selbst die Software, konstruierte Maschinen und lötete Bauteile. Heute stellt er Leute ein, entlässt auch mal welche, schreibt Finanzpläne über zehn Jahre und verhandelt mit Banken und Investoren. Er wächst zunehmend in die Rolle des Unternehmers. „Mein Studium schleift ganz schön dahin“, gibt er zu.

Aufgeben will er es trotzdem nicht. Er studiert Wirtschaftsingenieurwesen und ist etwa zur Hälfte durch den Bachelor. Nach Mathematik und Physik – „Painpoints!“ – kommen jetzt vor allem betriebswirtschaftliche Fächer, Business, Finanzen, Investitionen, was gut zu seiner neuen Rolle passt. Vor allem aber schätzt er, was nicht auf dem Studienplan steht: die „Uni-Bubble“. Kluge Köpfe an einem Ort, Professoren, Werkzeuge, gemeinsame Projekte, und die Leute, die er einstellt, Werkstudenten. Sein früherer Professor Mario Kupnik schaut die Firmen-Vlogs beim Frühstück.

Gründer-Gurus, die ein Studium für überflüssig erklären, widerspricht Milan offen: Wer Technik baue, brauche ein Gefühl und die Expertise dafür, ob eine Konstruktion hält, und das entstehe erst, wenn man Dinge fünfzig Mal durchgerechnet habe. Dafür wirbt er inzwischen auch als Fürsprecher der TU.

Hoch hinaus: Die Belegschaft von QiTech auf der Dachkante ihrer Halle. Im Schnitt sind hier alle 22 Jahre alt. Bild: QiTech

Plötzlich ohne Software

Einmal ist Milan richtig auf die Nase gefallen. Jahrelang liefen die Maschinen mit einer selbst entwickelten Software, niemand hat sie dokumentiert. Dann verließ der Entwickler, der sie kannte, die Firma, und sein Wissen ging mit ihm. Über Nacht hatte QiTech nur noch leere Maschinenhüllen ohne Steuerung.

Ein halbes Jahr stand die Firma so da. Trotzdem verkaufte Milan weiter Maschinen und sammelte Anzahlungen ein, um über Wasser zu bleiben, im Wissen, dass die Steuerung bis zum Liefertermin neu entwickelt werden musste. „Ein riesiger Spagat zwischen der Wirklichkeit und dem, was ich verkaufte“, sagt er. Er lernte, was Fachleute das Busprinzip nennen: Fällt der eine Mensch aus, der ein System allein versteht, steht alles still. Wissen muss verteilt und aufgeschrieben werden. Aus der Not entstand zugleich das heute wichtigste Produkt. In sechs Monaten schrieb das Team die Steuerung komplett neu, daraus wurde die Sparte QiTech Automation. „Unter Druck entstehen Diamanten“, sagt Milan nüchtern. Inzwischen trägt sie das Spin-off-Label der TU Darmstadt, das wissenschaftsnahe Ausgründungen sichtbar macht.

 

Offene Software gegen die Konzerne

Eine Software für alle Maschinen: Die Anlagen laufen mit QiTech Control, dem hauseigenen Betriebssystem, das moderne Softwarearchitektur mit bewährter Industrietechnik verbindet. Alle Maschinen einer Linie kommunizieren in Echtzeit miteinander, steuerbar über ein zentrales Touchpanel. Inzwischen bietet QiTech die Technologie über die Software-GmbH QiTech Automation auch für externe Kunden an. Bild: QiTech

Milans heute größte Vision für sein Unternehmen steckt in der Software-Sparte. Mit QiTech Automation schreibt sein Unternehmen offene Steuerungen für Maschinen und greift damit ein Geschäft an, das bisher Konzerne wie Siemens und Bosch beherrschen. „Wir wollen das Linux für den Maschinenbau werden“, sagt er. Bekannt wurde die Software fast von allein: Milans Video darüber lief viral, und plötzlich meldeten sich genau die großen Elektronikhersteller, deren Systeme Milan ersetzen will. Aus den Gesprächen entstand ein Pilotprojekt mit dem Elektronikkonzern WAGO, einem der größten der Branche.

Die Herausforderung: Ein System aufzubauen, das die etablierten Steuerungen ersetzt, kostet Jahre teurer Entwicklung und ist aus eigener Kraft nicht zu stemmen. Um mitzuhalten, sammelt QiTech Automation nun erstmals Geld ein und gibt dafür rund 20 Prozent an einen Investor ab, am liebsten einen Elektronikkonzern. Immerhin: Die Maschinenbau-Sparte von QiTech, mit ein bis zwei Millionen Euro Umsatz in diesem Jahr, trägt einen Teil und beweist zugleich, dass die Software im Alltag funktioniert.

 

Recycling, der ehrliche Rückzug

Die Ursprungsidee von QiTech hatte ganz anderes zum Ziel. Recycling war Milans Antrieb, sein „Warum“. Heute gibt er offen zu, dass es sich wirtschaftlich nicht rechnet: Recycling macht nur noch etwa fünf Prozent des Umsatzes aus. Die Anlagen nutzen Kunden vor allem für Spezialfilamente, etwa mit Carbon- und Glasfaseranteilen. Die Wickelmaschinen dienen außerdem der Fertigung von medizinischen Schläuchen, Schweißdraht oder Bürstenmaterial. Für echtes Kunststoffrecycling im Unternehmen QiTech brauche es Masse, ganze Tonnen von Material, Kunden von der Größe eines Kosmetikkonzerns, konstatiert Milan. „Ich habe es nicht hinbekommen, Recycling wirtschaftlich zu machen.“ Die Idee schiebt er auf, bis er das Kapital dafür hat. Dass er das so klar sagt, passt zu ihm.

Radikal öffentlich

Milan macht seine Firma zum offenen Buch. In wöchentlichen Videos zeigt er die Zahlen, die Rückschläge, sogar das Ringen um den Investor. Er hält bewusst wenig geheim: Wer alles ausspricht, sagt er, frisst es nicht in sich hinein. Diese Offenheit hat aber ihren Preis. Eine Zeit lang öffnete er morgens als Erstes die YouTube-App und las die Kommentare, bis er lernte, dass fünf harte Kommentare unter 30.000 Zuschauern kein Urteil sind. Er liest sie trotzdem, weil sie aussprechen, was Mitarbeiter ihm nicht ins Gesicht sagen. Dass er alleiniger Geschäftsführer ist, sieht er selbstkritisch: Modelle mit gleichberechtigten Partnern hätten nie funktioniert. „Ich kann nicht loslassen. Mir ist alles zu wichtig.“ Seine alten Schulfreunde, heute Gesellschafter, holen ihn auf den Boden. Es erdet ihn, ein Vorteil, findet er.

Bühne frei für die Bürokratie: Milan von dem Bussche in der Kulisse seiner Videoreihe „Crashkurs Bürokratie“. Bild: QiTech

„Ein Freigeist bin ich nicht“, sagt Milan. Eher stringent: aufstehen, Sport, Spiegelei, Firma. Als „Ausgleich“ schreibt er Videoskripte und baut kleine Kulissen für seine Reihe „Crashkurs Bürokratie“, eine Art „Sendung mit der Maus“ für Steuern und Recht. Der Antrieb für dieses Projekt ist Ärger, den er selbst erlebte: Als Milan mit 15 gründete, durfte er nicht Geschäftsführer sein, das ist erst ab 18 erlaubt. Also machte er seine Schwester zur Geschäftsführerin und blieb selbst nur Inhaber. Bürokratischen Hürden wie jene bringen ihn bis heute auf, und im Crashkurs zeigt er anderen jungen Gründern, wie sie da durchkommen. Die Reihe läuft über einen gemeinnützigen Verein, den er mitgegründet hat und in dem sich mehr als 2.000 junge Leute organisieren. „Ich bin zu nerdig, um BWLer zu sein, und zu beweglich für den nerdigen Maschinenbauer“, ordnet Milan seine „Nebentätigkeiten“ ein.

Eines will er widerlegen: „Ich möchte zeigen, dass wir von der sogenannten Generation Z nicht alle faul und dumm sind.“ Ihn treibe auch ein Gefühl der Verpflichtung: Das erste Kapital kam aus Preisgeldern von Schülerwettbewerben, finanziert von der Gesellschaft. „Ich habe sehr viel bekommen“, sagt er. Also wolle er etwas daraus machen.

Ob der Plan aufgeht, weiß Milan nicht. Er kennt das Risiko und spricht es aus. Weitermachen will er trotzdem, und zwar öffentlich, als Gegenbeispiel zu dem Gerede, in Deutschland gehe nichts mehr. „Ich will zeigen, dass hier etwas möglich ist“, sagt er. Dann greift er wieder zur Kamera.

 

Autorin: Heike Jüngst
Bilder: QITech und Heike Jüngst

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