Das TUDa-Start-up SYNAC.IO bündelt Zutritt, Zugänge und KI-Kontrolle und schließt für Betreiber kritischer Infrastruktur gefährliche Lücken.
Ransomware trifft täglich Energieversorger, Krankenhäuser und Behörden. Und Zehntausende Unternehmen in Deutschland realisieren gerade erst, was NIS-2 und das neue KRITIS-Dachgesetz konkret von ihnen verlangen. Das Kernproblem dabei ist überraschend simpel: Physische Zutrittssysteme, digitale Identitätsverwaltung und KI-Compliance laufen in den meisten Unternehmen völlig getrennt, in verschiedenen Systemen, ohne Verbindung, ohne übergreifende Kontrolle. Khondakar Readul Islam, Masterabsolvent der TU Darmstadt, hat aus seiner Abschlussarbeit ein Start-up-Projekt gemacht, das genau diese Lücke schließt. Das ist nicht nur ein Produktversprechen. Es ist eine Antwort auf eine der drängendsten Sicherheitsfragen unserer Zeit.
In Darmstadt kennen ihn fast alle als Riyad. In Bangladesch bedeutet er: Paradiesgarten. „Meine Mutter gab mir diesen Kosenamen nach meiner Geburt.“ Ein poetischer Einstieg für eine Geschichte, die alles andere als idyllisch ist. Khondakar Readul Islam wuchs in Bangladesch auf und schloss seinen Bachelor in Informatik in Dhaka ab. 2015 kam er zum Studium nach Deutschland, zunächst nach Tübingen. Dort wartete ein Vollstudium auf Deutsch. Sein B2-Niveau reichte nicht, nach einem Semester zog er weiter: an die TU Darmstadt, in den englischsprachigen Master Distributed Software Systems. Ein Neustart, der passte.
Elf Jahre Erfahrung, und eine Kündigung
Was folgte, war ein außergewöhnlicher Weg. Ab 2019 arbeitete Riyad als Softwareentwickler in Frankfurt und Rüsselsheim, wurde nach vier Jahren zum Consultant und technischen Projektleiter befördert. Inzwischen deutscher Staatsbürger, studierte er parallel in Teilzeit, denn in Darmstadt ist das möglich: Zwei Jahre werden zu vier, sechs Monate Thesis zu einem Jahr. Elf Jahre Erfahrung kumulierte er auf diese Weise. Dann die Entscheidung, die alles veränderte. Im August 2025 kündigte er seinen Job, gegen den ausdrücklichen Wunsch seiner Firma. „Wenn ich Vollzeit arbeite, bekomme ich vielleicht eine Drei. Ich wollte eine Eins. Also habe ich gekündigt.“
Er bekam die Eins. Karsten Weihe, sein betreuender Professor am Fachbereich Informatik der TU Darmstadt und selbst Forscher im Bereich der Algorithmik und deren praktischer Anwendung, der inzwischen Riyads Mentor ist, vergab die Höchstnote für eine Arbeit, die mehr als nur Theorie war: Sie enthielt einen funktionsfähigen Prototypen mit formaler mathematischer Verifikation. Dieses Verfahren beweist, dass ein System auch in ungetesteten Szenarien korrekt funktioniert. Nicht Trial-and-Error, sondern mathematische Gewissheit. Eine Basis, auf der sich ein Produkt aufbauen lässt.
Was SYNAC.IO löst. Und warum niemand sonst es tut.
Das Problem, das Riyad adressiert, ist offensichtlich und wird doch oft übersehen. Viele Unternehmen der kritischen Infrastruktur verwalten physische Zutrittskontrolle, digitale Identitäten und KI-Compliance in getrennten Systemen. Das ist mehr als umständlich: Es ist ein Sicherheitsrisiko. „Ich habe sieben Jahre lang gesehen, wie diese Unternehmen veraltete Software nutzen“, sagt Riyad. „Früher konnte man zwei Monate für eine Konfiguration einplanen. Heute hat niemand mehr diese Zeit, aber die Systeme sind dieselben geblieben.“
Mit SYNAC.IO will er diese Lücke schließen. Die Plattform kombiniert physische Zutrittskontrolle für KRITIS-Umgebungen mit einem AI Policy Manager, der KI-Systeme regelkonform, nachvollziehbar und auditierbar macht. Die Software läuft direkt beim Kunden, die Daten bleiben im Haus. Für Betreiber kritischer Infrastruktur ist das keine Kür, sondern Voraussetzung.
Wenn KI zur Vertrauensfrage wird
Gerade beim Einsatz von KI ist die gesellschafts- und wirtschaftspolitische Dimension gewaltig. Es geht nicht nur um Effizienz oder Automatisierung, sondern um Vertrauen, Kontrolle und Verantwortung in zentralen Infrastrukturen. Die Gesetzgebung in Brüssel und Berlin hat darauf reagiert und macht jetzt Druck: Mit dem EU AI Act, NIS-2 und dem KRITIS-Dachgesetz müssen Betreiber kritischer Infrastruktur künftig physische Sicherheit, digitale Resilienz und den Einsatz von KI künftig besser dokumentieren, kontrollieren und absichern. Betroffen sind über 30.000 Unternehmen in Deutschland: Energieversorger, Wasserwerke, Krankenhäuser, Telekommunikation, Logistik und Verwaltung. Verstöße können teuer werden, Geschäftsführungen haften stärker. „NIS-2 und das KRITIS-Dachgesetz geben mir Zeit. Aber nicht viel. Der Markt öffnet sich gerade. Ich muss jetzt rein.“ Synac.io sitzt genau an der Schnittstelle dieser Regulierungen und damit an einem Punkt, der für viele Unternehmen jetzt akut relevant wird.
Zwei Monate. Halb Hessen kennt ihn jetzt.
Seit seinem Masterabschluss im Februar 2026 hat Riyad ein Tempo vorgelegt, das selbst erfahrene Gründerinnen und Gründer staunen lässt. Im Mai bezog er seinen Arbeitsplatz im HUB31, dem Technologie- und Gründungszentrum in der Hilpertstraße, getragen von TU Darmstadt, Hochschule Darmstadt, IHK und Stadt und zentraler Knotenpunkt des Darmstädter Start-up-Ökosystems. Das Innovations- und Gründungszentrum HIGHEST der TU Darmstadt begleitet ihn als Mentor, Berater und Connector: bei Förderprogrammen, Netzwerkterminen und der Schärfung des Geschäftsmodells. Riyad pitchte, bewarb sich, netzwerkte, wurde als eines von fünf Newcomer-Start-ups für die ELSA General Assembly, einem europäischen KI-Rechtskongress in Saarbrücken, ausgewählt und stellte sich dort vor. Er sprach mit Business Angels, knüpfte Kontakte in die Luftfahrtbranche, trat bei Veranstaltungen in Wiesbaden, Kassel und Frankfurt auf und bewarb sich beim aktuellen HIGHEST-Ideenwettbewerb. Seine Motivation: „Ich bin im Moment Solo-Entrepreneur. Deswegen klopfe ich überall an. Ich glaube, jetzt kenne ich ganz Hessen.“ Das klingt nach Leichtigkeit. Es ist das Gegenteil.
Das ehrliche Kapitel
Riyad schläft bisweilen nur vier Stunden pro Nacht, manchmal weniger. Tagsüber besucht er täglich fünf Stunden Deutschkurs, entwickelt das Produkt weiter, netzwerkt, verfolgt Vorlesungen in seinem zweiten Master IT-Sicherheit und schreibt Förderanträge. Seine Frau, Ärztin aus Bangladesch, lebt seit vier Jahren mit ihm in Deutschland. Für die Approbation braucht sie die C1-Sprachprüfung, die bislang eine Hürde bleibt. Der Druck ist hoch: kein zweites Einkommen, die eigene Arbeitslosenunterstützung läuft im August 2026 aus. „Manchmal bin ich ein bisschen demotiviert. Ich habe Familie, ich muss Miete zahlen. Aber aufgeben, das war nie eine Option für mich.“ Dieser Satz bringt auf den Punkt, worum es geht: um Verantwortung, Tempo und eine Idee, von deren Relevanz Riyad überzeugt ist. Jetzt sucht er dringend einen deutschen Co-Founder oder eine deutsche Co-Founderin, ausdrücklich mit dem Wunsch nach mehr Diversität im Team. „Für die Technik und die Forschung bin ich da. Ich brauche jemanden, der sich auf Betriebswirtschaft versteht, der die Sprache kann, die Kultur versteht, Türen öffnet.“
Frustrationstoleranz und Fokus
Cybersicherheit ist eine Branche ohne Gnade. Doch wer die Lücke zwischen physischer und digitaler Identitätssicherheit erkennt, regulatorisch einordnet und technisch schließt, bringt starke Argumente mit: einen Prototypen, eine Bestnote und formale Verifikation im Rücken. Auch die nächste Vision für SYNAC.IO ist bereits formuliert: Quantenkryptografie, eine Sicherheitsarchitektur von morgen, soll in künftige Produktversionen einfließen. Dafür bringt Riyad das technische Fundament, die wissenschaftliche Expertise, das regulatorische Momentum und die nötige Energie mit. Was noch fehlt, ist konkret: eine deutsche Co-Founder:in, ein erster Pilotkunde und etwas finanzielle Luft.
Autorin: Heike Jüngst
SYNAC.IO wird unterstützt durch HIGHEST, das Innovations- und Gründungszentrum der TU Darmstadt, das HUB31 Technologie- und Gründungszentrum Darmstadt sowie StartHub Hessen. Interessierte Co-Founder können Riad über LinkedIn oder den HIGHEST-Newsletter kontaktieren.