Spielerisch gründen: TUDa-Start-up Founder Louis Rittersberger und Mateo Brecic | Bild: Modolino
Zwei Freunde aus der Rhein-Main-Region nutzen die sozialen Medien, um Kinder genau davon wegzuholen. Klingt widersprüchlich, ist aber Absicht: weg vom Bildschirm, rein ins echte Leben. Ihre Mitmach-Videos zeigen ein Experiment und laden zum Nachmachen am Küchentisch ein.
Der Physiker Louis Rittersberger und der Wirtschaftsingenieur Mateo Brecic gründeten im Oktober 2025 ihr Start-up Modolino, ein Experimentier-Universum mit 17 Tiercharakteren für Kinder von drei bis acht Jahren. Ein halbes Jahr nach ihrem ersten Video folgen ihnen 95.000 Familien auf Instagram, Facebook, TikTok, YouTube und Pinterest, ihre Videos zählen 16 Millionen Aufrufe. Die Anleitungen bleiben für alle kostenlos, Geld verdienen wollen die beiden mit Experimentierkästen. Im Juni 2026 wählte die Jury des Social Impact Award Deutschland Modolino unter die 15 Finalisten. Wie aus einem Kellervideo eine der am schnellsten wachsenden MINT-Marken im deutschsprachigen Raum wurde, erzählt diese Geschichte.
Im Keller eines Hauses in Rödermark kniet ein Physiker auf dem Boden und rührt Backpulver in Essig. Wenige Monate zuvor hat er in einem Labor der TU Darmstadt noch die Lebensdauer eines Molybdän-Isotops gemessen. Jetzt filmt er einen Vulkan, der zischt, schäumt und überläuft. Das Video geht durch die Decke. Über eine halbe Million Menschen sehen zu.
Der Physiker heißt Louis Rittersberger. Neben ihm arbeitet Mateo Brecic, sein bester Freund seit der Schulzeit. Die beiden saßen zusammen im Physik-Leistungskurs und trainierten jahrelang im selben Turnverein. Heute wundern sie sich selbst, wie schnell aus einem im Keller gefilmten Experiment ein Unternehmen wird.
Zwei Freunde, zwei Fächer, eine Beobachtung
Rittersberger studierte Physik an der TU Darmstadt, Brecic Wirtschaftsingenieurwesen mit Fachrichtung Maschinenbau an der Hochschule Darmstadt. Beiden fiel dasselbe auf. Die Kinder in ihrem Umfeld gehen kaum noch nach draußen, sie sitzen vor Tablet und Handy. „Kinder entdecken immer weniger mit eigenen Händen und verlieren den Kontakt zur realen Welt. Modolino gibt Familien eine Alternative: echtes Erleben statt passivem Konsum, gemeinsames Forschen statt Bildschirmzeit“, erkärt Mateo Brecic die Idee hinter dem Start-up-Konzept.
Auf Instagram stießen die beiden auf ein einzelnes Experiment und stellten fest, dass niemand einen Kanal führte, der sich allein den Naturwissenschaften widmete. Sie nahmen ein erstes Video auf, dann ein zweites. Das dritte ging durch die Decke.
Die Rollen verteilten sich fast von selbst. Rittersberger steht vor der Kamera, prüft jedes Experiment auf Sicherheit und wissenschaftliche Korrektheit und formt die Marke. Brecic baut das System dahinter: Vertriebskanäle, Website, Einkauf und Abläufe. Der eine denkt um die Ecke, der andere fügt die Teile zu einem Ganzen. So ergänzen sich die beiden, ohne sich in die Quere zu kommen.
Der Test läuft öffentlich
Was Modolino von klassischen Experimentierkästen unterscheidet, prüfen die Gründer zuerst vor Publikum. Jedes Experiment probieren sie selbst aus, oft in vielen Anläufen, bis die Mischung stimmt. „Wir testen jedes Experiment vorher“, erzählt Louis Rittersberger.“ Am Ende wissen wir, was die perfekte Zusammensetzung ist, und genau das geben wir den Zuschauern weiter.“
Erst dann geht das Experiment online, im Kurzformat, schnell geschnitten und fachlich korrekt. Es ist ein Mitmach-Video: Es zeigt den Versuch und fordert die Kinder auf, ihn selbst nachzubauen. Wer mehr wissen will, lädt auf der Website modolino.com eine kostenlose Schritt-für-Schritt-Anleitung mit Erklärteil herunter.
Diese Reihenfolge ist ungewöhnlich. Modolino prüft die Nachfrage nach seinem Produkt, bevor das Produkt überhaupt physisch existiert. Die Zahlen geben dem Team recht. 95.000 Familien folgen den 17 Tiercharakteren über Instagram, Facebook, TikTok, YouTube und Pinterest, die Videos zählen 16 Millionen Aufrufe, rund zwei Millionen kommen jeden Monat hinzu, alles davon organisch, ohne einen Euro Werbebudget.
Hinter dem Wachstum steht ein schlichtes didaktisches Prinzip. „Wenn Kinder staunen, wollen sie verstehen. Und wenn sie verstehen, dann wachsen sie ganz von alleine.“ Davon ist Louis Rittersberger überzeugt. Deshalb schafft es nur ein Experiment vor die Kamera, wenn es Kinder mit staunenden Augen zurücklässt. Reine Lückenfüller lassen die beiden weg. Der Vergleich mit den klassischen Experimentier-Kästen fällt ihnen leicht. Manche Anbieter füllen ihre Sets mit Versuchen, die kaum mehr als Langeweile auslösen: ein Glas Wasser in die Sonne stellen, eine halbe Stunde warten, bis es warm ist. Modolino dagegen zeigt nur Experimente mit sichtbarem Effekt. Die Rechnung geht auf. Familien fragen täglich nach den ersten Produkten, auch Kitas melden sich und wollen bestellen.
Bildung bleibt frei, der Kasten wird zum Geschäft
Ein Grundsatz steht für die Gründer nicht zur Debatte. Die Videos und Anleitungen bleiben kostenlos, aus Überzeugung. Nicht jede Familie kann einen teuren Experimentierkasten kaufen, deshalb bauen die beiden ihre Versuche auf Haushaltsmaterialien. „Die spannendsten Experimente brauchen kein Labor, sie brauchen Backpulver, Lebensmittelfarbe und ein bisschen Kreativität“, so Louis Rittersberger.
Essig, Öl und Backpulver stehen in fast jeder Küche. Verdienen wollen die beiden mit Experimentierkästen, die Ende 2026 erscheinen sollen, rechtzeitig zum Weihnachtsgeschäft. Die kostenlosen Videos schaffen Reichweite und Vertrauen, die Kästen bündeln die erprobten Experimente zu einem Produkt. Werbepartner lehnen die Gründer ab. „Wir wollen keine Werbepartner und nicht zu Influencern werden“ sagt Mateo Brecic. „Wir konzentrieren uns voll auf unsere Marke und auf das Vertrauen der Familien.“
Die Hersteller für die Kästen haben die beiden selbst aufgespürt, in China und Taiwan, spezialisiert auf Experimentierkästen und auf den europäischen Markt. Einige produzieren bereits für etablierte Marken. Mit den Herstellern kommt die Bürokratie. Sobald Backpulver in einem Kasten steckt, gilt es nicht mehr als Lebensmittel, sondern als Chemikalie, mit eigenen Regeln für Sicherheit und Verpackung. Jedes Produkt muss durch die Prüfung, eine TÜV-Zertifizierung kostet für den ersten Kasten zwischen 2.000 und 3.000 Euro.
Finanziert ist bisher alles aus eigener Tasche. In einem halben Jahr gaben die beiden kaum mehr als 1.000 Euro aus, ihr größter Einsatz ist ihre Zeit. Für die erste Charge planen sie eine Crowdfunding-Kampagne und die Gründung einer GmbH. Begleitet werden sie dabei von HIGHEST, dem Innovations- und Gründungszentrum der TU Darmstadt, bei dem sie ihr Vorhaben früh vorstellten. Ein EXIST-Gründerstipendium wägen sie noch ab, als mögliche Mentorin steht Prof. Verena Spatz, Studiendekanin für Didaktik der Physik an der TU Darmstadt, bereit.
Ein Preis für eine soziale Idee
Dass Bildungsanspruch und Geschäftsmodell zusammenpassen, bestätigte im Juni 2026 der Social Impact Award Deutschland. Aus vielen Bewerbungen wählte die Jury 15 Finalisten, Modolino gehört dazu. Die Leitfrage des Teams bringt das Anliegen auf den Punkt: Wie lässt sich naturwissenschaftliche Neugier wecken, bevor sie verlernt wird? Im Herbst pitchen die beiden beim Finale in Berlin.
Die Bühne ist für Modolino nicht neu. Louis Rittersberger wurde als MINT-Botschafter ausgezeichnet, Zeitungen wie die Frankfurter Rundschau berichteten, und die FamilienApp Hessen stellt jeden Monat ein Experiment vor. Der pädagogische Fachverlag Herder hat die beiden eingeladen, einen Beitrag für Kindergärten und Kitas zu schreiben.
Der Name deutet an, wohin die Reise geht. Modolino steht für ein modulares System, jedes Modul deckt einen Bereich der kindlichen Entwicklung ab. Den Anfang macht MINTolino mit den Naturwissenschaften, hier liegt die größte Expertise im Team. Später sollen Naturlino, Creolino und Emolino folgen, für Natur, Kreativität und Gefühle. Die Überzeugung dahinter: Wer alle vier Bereiche früh fördert, hilft Kindern, zu starken Persönlichkeiten heranzuwachsen.
Noch filmen Rittersberger und Brecic ihre Versuche selbst, schneiden nachts und beantworten Kommentare am Küchentisch. Doch sie haben sich festgelegt. Den geplanten Master stellen sie zurück, ihr Erspartes stecken sie in die erste Charge, und bis Weihnachten soll der erste Kasten im Handel sein. Der Grund ist für sie klar: Die Reichweite ist gerade riesig, und dieses Zeitfenster kommt kein zweites Mal. „Wir setzen jetzt alles auf eine Karte“, erzählen Mateo Brecic und Louis Rittersberger. Vieles liegt noch vor ihnen: die Gründung der GmbH, die erste Produktion in Fernost, die Zertifizierung und die Erwartung von 95.000 Familien. Ihre Freundschaft dürfte das aushalten. Sie hält schließlich schon seit dem Physik-Leistungskurs.
Autorin: Heike Jüngst
Bilder: Modolino