Success Story

21. Mai 2026

Handwerker vom Bürokram entlasten

Eine einfach zu bedienende KI für Handwerksbetriebe hat das junge Start-up Workcraft entwickelt.

Über Platz 2 und Preisgeld freute sich das Workcraft-Team beim LAUNCH Rhein-Main Demo Day Anfang des Jahres – einer der vielen Erfolge des jungen Start-ups. Foto: Launch.


Eine einfach zu bedienende KI für Handwerksbetriebe hat das junge Start-up Workcraft entwickelt.

Per Spracheingabe auf dem Handy entstehen Angebot, Lieferscheine, Leistungsverzeichnis bis hin zur Rechnung. Forsch und unerschrocken wollen Jenny Kantor und Aron Spang ihr Produkt schon im Juli auf den Markt bringen. Zumal das kreative Team schon viele Fördergelder und Preise eingeheimst hat. Einer hat die Idee und das Tech-Knowhow, die andere die Energie zur Durchsetzung: So funktioniert das Team Workcraft.

Stolz öffnen Jenny Kantor und Aron Spang die Tür zum Workspace HUB31 der TUDa, in dem sie gerade ihren Schreibtisch bezogen haben. In wenigen Monaten haben sie aus einer Idee ein erfolgversprechendes Produkt entwickelt. Die Idee entstand letztes Frühjahr als „Spielerei“, berichtet Aron Spang: „Ich war damals in meiner Heimat in der Eifel und hatte mich wie früher mit einem Robotik-Kumpel zu einer LAN-Party verabredet – ein Elektromeister, mit dem ich über Apps zur Verbesserung der Prozesse auf Baustellen diskutiert habe“. Die zehn Tage bis zu ihrem Treffen überbrückte er „nur so als Gag und Überraschung mit der Entwicklung einer App“.

Da Spang öfters in einem Elektriker-Betrieb ausgeholfen hatte, sollte diese App Handwerker bei der Büroarbeit entlasten: „Normalerweise muss vor Ort alles ausgemessen und geplant und dann abends im Büro noch mühsam in den Computer getippt werden“. Diesen Schritt will der 37jährige beschleunigen: Der Elektriker oder die Schreinerin spricht alle Maße und Anforderungen ins Handy – und daraus ermittelt die App umgehend die Materialbestellung, den Leistungsumfang und Kostenvoranschlag.

Jenny Kantor und Aron Spang in ihrem neuen Büro im HUB31 der TUDa. Hier entsteht Workcraft, eine App die Handwerker:innen das Leben erleichtert. © Anja Störiko.

Computerspiel als Namensgeber

Der Ehrgeiz, das Programm bis zum geplanten Treffen fertigzustellen, beschleunigte die Umsetzung: „Ich habe das tatsächlich in zehn Tagen „ge-vibe-coded“ – also KI-gestützt programmiert, so Spang. Ein aufwendiges Computer-Sprachmodell half dabei, den Code für die Software zu entwickeln. Die LAN-Party fand zwar schlussendlich gar nicht statt – aber der Prototyp für das Programm stand. Mittlerweile steckt ein Vielfaches an Arbeit darin, um ein echtes Produkt zu entwickelt. Doch den Namen verdankt es dem beliebten Computerspiel „WarCraft 3“: Workcraft.

Das passte zeitlich ideal mit Jenny Kantor zusammen, die auf der Suche nach einer spannenden Gründeridee war. Die 22jährige hatte gerade im Rahmen des Digital Seeds Start-up-Programms gelernt, ein digitales Geschäftsmodell zu entwickeln, und bewegt sich schon länger in der Start-up-Welt. „Wir kannten uns aus dem Studium und hatten fast zeitgleich die Idee, uns mal zusammenzusetzen“, so Kantor. „Wir sind ein perfektes match“, ergänzt Spang: „Wir bringen super-unterschiedliche Kompetenzen ein“. Er sei der Techniker, sie die Strategin. „Jenny kann vieles, das mir nicht liegt – und hat den Mut, Sachen einfach zu machen“.

„Schon zu Schulzeiten habe ich gerne an Wettbewerben und Hackathons teilgenommen, bei denen innerhalb weniger Tage Softwareprodukte und Ideen entwickelt werden“, berichtet die gebürtige Bad Homburgerin. „Mir machen so viele unterschiedliche Dinge Spaß.“ Das sei auch bei der Studienwahl entscheidend gewesen. „Cognitive Science“ am Institut für Psychologie der TUDa habe die gewünschte Interdisziplinarität und Vielfältigkeit geboten, mit vielen kombinierbaren Modulen.

Auch Aron Spang schwärmt vom gemeinsamen Studiengang: „Neben Philosophie enthält er viel Technisches – und ist auch eine Challenge fürs eigene Weltbild“. Nach dem Abitur ist er viel und weit gereist. Er hat als Elektriker, auf einem Bauernhof und als Möbelaufbauer gejobbt und immer irgendwas gebastelt und gebaut. „Dann kam auf einmal mein 30. Geburtstag – das war ein schockierender Moment.“ Er habe ihn aufgerüttelt und zum Studienbeginn animiert. Im Experimentalpraktikum lernten sich die beiden dann kennen.

Ein sich perfekt ergänzendes Team

Im vergangenen August setzten sie sich zusammen und tauschten ihre Ideen aus: „Das hat super gepasst“. Jenny Kantor war zuvor in die Female Founder Community „EmpowHer“ aufgenommen worden, wo sie von Frauen geführte Start-ups in Tech-Fragen beriet. „Arons Software fand ich eine coole Idee – und hatte Lust, daraus ein Geschäftsmodell zu machen; das zu durchdenken hatte ich ja gerade gelernt“. Zufall und Hartnäckigkeit kamen ihnen dabei zur Hilfe: Mit etwas Glück gelangten sie ganz kurzfristig an Karten zum Sommerfest bei Hessian.AI, dem hessischen KI-Förderprogramm. In der „Open mic“-Session schnappte sich Kantor als erste das Mikrofon und stellte ihre gerade mal zwei Wochen alte Idee öffentlich vor. „Daraufhin haben wir bis zum Ende der Feier Gespräche geführt; wir wurden förmlich mit Impulsen bombardiert“, staunt Kantor noch heute.

Vom Gründerzentrum Hub31 der TUDa soll Workcraft seinen Weg in die Handwerksbetriebe finden – Aron Spang und Jenny Kantor stehen kurz vor der Gründung und dem ersten marktreifen Produkt. © Anja Störiko.

Aron und Jenny im Hub31. Foto: Anja Störiko.

Schnell, pfiffig, ehrgeizig – und erfolgreich

Von da an waren noch fünf Tage Zeit zum Bewerbungsschluss für das „Lean AI Startup Funding“ von Hessian.AI. Die beiden suchten sich Unterstützung, legten einen Business-Plan vor und schafften es in die zweite Runde. Die Förderzusage ermöglichte ihnen 30.000 Euro an Sachmitteln sowie jeweils ein halbes Jahr Gehalt: Innerhalb von wenigen Monaten war das Start-up Workcraft geboren.

Dank der Unterstützung der Förderplattform Futury und dem Innovations- und Gründungszentrum HIGHEST ging es furios weiter: In einem intensiven vierwöchigen „Lab2market“-Bootcamp lernte Kantor, ein Geschäftsmodell zu erstellen, Kontakte zu knüpfen. Zudem wurden sie die ersten Mieter im Futury-Bürokomplex in Frankfurt. Darüber fanden sie auch die ersten freiberuflichen Mitarbeiter:innen – für das Design der Nutzeroberfläche, für Marketing-Strategien und Branding, Moderation und Videos-Edits. Zudem lernten sie den Geschäftsführer Neven Lukic kennen, dessen Handwerksbetrieb als erste Probeplattform für Workcraft dient. Er ist mittlerweile Co-Gründer geworden.

Büroarbeit schon auf der Baustelle erledigen

Spang profitiert heute von seinen vielen Jobs in kleinen Handwerkerfirmen. Dort hat er erfahren, dass es vom Handwerk zur Rechnung manchmal ein holpriger Weg ist. Die Workcraft-App soll dies glätten: Schriftliche Notizen sind nicht mehr nötig, stattdessen akzeptiert die App mündliche Eingaben in 48 verschiedenen Sprachen. Das erleichtert im häufig internationalen Handwerk die Kommunikation und überbrückt fehlende Deutschkenntnisse.

„Die App akzeptiert auch Handwerker-Slang“, betont Spang einen weiteren Vorteil gegenüber ähnlichen Apps. Zudem sei Workcraft selbstlernend, versteht also schnell auch Kürzel oder Firmen-interne Begriffe. Neben Sprache verarbeitet das System auch Fotos, also beispielsweise Rechnungen aus dem Baumarkt. Dank KI sind neue Features und Wünsche schnell umsetzbar. Aktuell vereinigen die Mitarbeitenden die Backend-Daten mit dem neuen Corporate Design für die Handy-Oberfläche.

Workcraft App

Die Workcraft-App erleichtert den Alltag im Handwerk: Sie wandelt Sprachinfos und Fotos zur Baustelle in Aufträge und Angebote um. (Abb.: Workcraft)

Die Kompetenzen des Gründerteam seien rasant gewachsen, „jeden Tag etwas Neues: Events, Partner, Personalbetreuung, Steuer- und Markenrecht, Förderprogramme, Kundenanforderungen…“, zählt Kantor auf. Samstags nutzen sie das Mentoring von LAUNCH Rhein-Main, einem „top-organisierten“ studentisch geführten Startup-Inkubator. Stolz sind sie auf einen Vortrag im Mainzer Landtag, in dem Kantor das Start-up vor einer Jury vorstellen durfte – und den Preis der Frankfurter Sparkasse in Höhe von 5000 Euro gewann. Wertvoll sei bei so etwas vor allem das Ökosystem drumherum: Kontakte zu Investor:innen, Politiker:innen, der Handwerkskammer. Während Kantor durch die Veranstaltungen wirbelt und ganz in ihrem Element ist, entwickelt Aron die Software und Technik weiter.

Über Platz 2 und Preisgeld freute sich das Workcraft-Team beim LAUNCH Rhein-Main Demo Day Anfang des Jahres – einer der vielen Erfolge des jungen Start-ups. Foto: Launch

Nächstes Ziel ist die Verfeinerung des Workcraft-Prototyps zum käuflichen Produkt: Design, Anforderungen, Nutzeroberfläche sollen sicher, praktisch und nachhaltig werden. Stolz berichten die beiden von effizienten Schleifen, in denen sie ihr Produkt gezielt optimieren. Im Juli soll die zweite Beta-Version herauskommen, die ein größerer Handwerkerkreis drei Monate kostenlos testen kann. Dafür können sich Betriebe bereits auf ihrer Website anmelden. „Es wird spannend, wie das Produkt angenommen wird“, so Spang. „Wir gestalten es sehr bewusst so, dass es den Kunden gefällt.“

Für die Gründung ist alles bereit

Das Feedback soll das Produkt verbessern zur möglichst baldigen Marktreife. Für Juli ist die offizielle Gründung und Firmenanmeldung geplant – die Verträge sind vorbereitet, Markenschutz und ähnliches juristisch abgeklärt.

Kantor hat mit ihrer gewinnenden Energie die nächsten Erfolge an Land gezogen: Workcraft ist aktuell nominiert für den Hessen Ideen Wettbewerb und bereits unter den Top-Teams in Hessen, die das diesjährige Hessen-Ideen-Stipendium erhalten. Ein weiteres halbes Jahr Gehalt für das Gründerteams ist gesichert. Kantor wurde beim EBS Venture Challenge 2026 als Sprecherin eingeladen – und gewann den ersten Preis. Zudem sind sie nun neun Monate Mieter im Darmstädter HUB31.

HIGHEST sei für die beiden eine „super-hilfsbereite, kritische, herausfordernde und kompetente Unterstützung“, die neben der Hessen-Ideen-Bewerbung Kantor auch half, Stipendiatin bei EXISTWomen zu werden. Zudem ist sie neuerdings selbst Mentorin: Im Reverse-Mentoring-Programm von DIGITAL8 – The Digital Native Network drehen sich die Kompetenzen um: Jüngere eröffnen Vorstandskräften neue Perspektiven auf Innovation und KI. Auch im Female Founder Network ist sie aktiv. Und nach unserem Gespräch geht es gleich weiter zum CraftTech-Event der Handwerkskammer Rhein-Main, das Start-ups und Handwerk zusammenbringt.

Vom Gründerzentrum Hub31 der TUDa soll Workcraft seinen Weg in die Handwerksbetriebe finden – Aron Spang und Jenny Kantor stehen kurz vor der Gründung und dem ersten marktreifen Produkt. © Anja Störiko.

Bleibt bei so viel Gründungselan noch Zeit für ein Privatleben? „Phasenweise“, schmunzeln beide. Aber Erholung und Gesundheit seien ihnen wichtig, daher hätten sie eine konsequente „weekend policy“: Samstag und Sonntag sind Nachrichten zur Arbeit verpönt. So bleibt Zeit zum Lesen, Malen, für Hobbies wie Theater und Sport: Kantor hat den Ehrgeiz für einen Triathlon, einen Halbmarathon hat sich schon geschafft. „Gründerin ist nur ein Teil von mir“. Und eine Gründung sei ja auch eher ein Marathon, kein Sprint. „Ich liebe es, meine ganze Energie reinzustecken“. Aron Spang ergänzt: „Es ist toll, Ideen umzusetzen, viel zu lernen und einen Mehrwert für die echte Welt zu schaffen“. Beide sind überzeugt, dass Workcraft nicht ihr letztes Start-up bleibt. Vielleicht erarbeiten sie damit ja gerade das Startkapital für eine neue Gründung irgendwann. Es mache Spaß, Neues zu wagen. „Aktuell saugen wir alle Impulse wie ein Schwamm auf“, schwärmt Kantor: „Ich freue mich auf die Zukunft!“

Text: Anja Störiko

Fotos: Anja Störiko und Workcraft

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